rezension #1 – Boyd, William: Ruhelos
29. November 2008 at 12:31 pm | In Rezension | Leave a CommentOhne zu tief auf die Frage der Rolle und Aufgabe von Literatur im Allgemeinen und Speziellen eingehen zu wollen; Literatur soll Emotionen, möglichst starke, hervorrufen, begeistern, abstoßen, aufregen, in der jeweiligen Lebenssituation bestärken, vielleicht auch bis zu einem gewissen Grad verstören.
Kurzum: Nichstsagende Bücher sind das schlimmste, was dem Leser passieren kann. Umso erfreulicher sind Bücher wie William Boyds ‘Ruhelos’. Ich habe ihn selbst in zwei Tagen verschlungen und kann es nur wärmstens weiter empfehlen.
Um was geht es? Wir befinden uns im Jahr 1976, der Baader-Prozess dauert schon mehr als 100 Prozesstage an. Eine 27-jährige alleinerziehende Britin, die mit ihrer Doktorarbeit nicht voran kommt, wundert sich über das seltsame Verhalten ihrer Mutter, die sich verfolgt fühlt und sich trotz vollkommener Gesundheit von ihrer Tochter im Rollstuhl durch den Ort schieben lässt.
Nach und nach gibt sie ihr Hefte über eine gewisse Eva Delektorskaja, einer Russin, die nach der November-Revolution über Umwege mir ihrer Familie nach Paris geflüchtet ist. Nach dem Mord an ihrem Bruder 1939 wird auch sie vom britischen Geheimdienst geworben, unter Zuspruch ihres herzkranken Vaters. Nach einer Ausbildung in Schottland und verschiedenen Stationen in Europa wird sie nach New York versetzt, wo der britische Geheimdienst durch gezielte Propaganda-Maßnahmen die Stimmung zugunsten eines Eintritts der USA in den Zweiten Weltkrieg zu kippen. Nach einem offensichtlichen Verrat in den eigenen Reihen muss sie fliehen, erst nach Kanada, dann nach England. In den Kriegswirren legt sie sich zum wiederholten Male eine neue Identität zu. Doch auch 1976 lebt sie noch in Angst und fürchtet ihre Eliminierung. Sie gilt als Dissidentin.
Das Buch zeigt auf beeindruckende Weise den Wertegang, die Arbeits- und Denkweisen der Spionin, aber auch wie sie instrumentalisiert wird und ohne Wimpernzucken geopfert werden soll. Es gibt Einblicke in die Propaganda-Arbeit des britischen Geheimdienstes in den USA, die durch den japanischen Angriff auf Pearl Habour schlagartig obsolet wurden. Nach und nach wird auch die ’seltsame Mutter’ eins mit der Spionin, die wiederum ihre Tochter instrumentalisiert, um den ‘Maulwurf’, den vermutlich russisch-britischen Doppelagenten, der sie einst warb und ausbildete, ausfindig zu machen, um ihn mit sich und ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu konfrontieren.
Die Einbettung des Plots in die tatsächlichen Geschehnisse von 1917 bis 1976 lassen die Geschichte noch glaubhafter erscheinen. Der Schreibstil Boyds tut sein Übriges. Also: Unbedingt lesen.
der Renzensent
ps: So man denn dem wikipedia- Eintrag zum BSC (der beschriebenen Einheit des britischen Geheimdiensts) Glauben schenken darf, abeitete auch ein gewisser Roald Dahl, ein Meister des schwarzen Humors, einige Zeit in New York für den britischen Geheimdienst. Zu diesem Autor vielleicht ein ander Mal mehr.
Die Person im Sitz vor mir
3. Juli 2008 at 7:18 pm | In Skurriles | Leave a CommentWarum sitzt eigentlich immer jemand vor mir im Flugzeug, der als unbedingt als erste Amtshandlung seine Sitzelehne nach hinten stellt?
Diese durchaus schmerzhafte Frage kam leider schon bei mehreren Langstreckenflügen auf. Da ich ein wenig größer als der Schnitt geraten bin, gibt es nichts schlimmeres, als stundenlang nicht richtig sitzen, geschweige denn schlafen zu können.
Schon gewarnt werfe ich einen prüfenden Blick auf die Person im Sitz vor mir, wenn ich das Flugzeug betrete. Unscheinbar, meist gar nicht groß gewachsen – das sind die besonders fiesen! Obwohl sie ohnehin genug Platz haben, haben sie als erstes beim Erreichen der Flughöhe, quasi mit dem Ausgehen der Lampen für den Sicherheitsgurt, die Hand am Knopf für die Rückenlehne, stämmen sich mit den Unterschenkeln gegen ihren Vordersitz und zack: ein stechender Schmerz fährt mir in die Knie. Noch bevor ich etwas erwidern kann, haben sie sich eingemummelt und schlafen oder simulieren wenigstens gut.
Die Person im Sitz vor mir kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass sie mit ihrer Handlung der Person hinter ihr den ganzen Flug versauert.
Einmal wär die Situation fast eskaliert. Ich hatte überhaupt keinen Platz, war eingequetscht auf einem Mittelsitz, konnte wirklich überhaupt nicht sitzen, als mein Vordermann seine Rücklehne nach hinten gestellt hatte. Er blieb stur, ich fürchtete um meine Knie… Danke noch einmal an die höfliche Flugbegleiterin, die mir einen anderen Platz besorgte, am Exit! Was für ein Luxus für die Beine.
Unverhältnismäßigkeit
16. Mai 2008 at 8:00 pm | In Gedanken am Rande | Leave a Comment“Die deutsche Entwicklungsministerin trifft Oberhaupt des tibetischen Buddhismus auf ein Tässchen Tee.” Es könnte so wunderbar unspektakulär sein. Ist es aber nicht! Ein dreißig-minütiges Treffen wird zum Politikum:
Frau Merkel würde gern den Dalai Lama treffen, weilt aber in Südamerika und schickt stattdessen ihre Entwicklungsministerin als Vertretung. Daraufhin fühlt sich Herr Steinmeier, seines Zeichens stellvertretender Regierungschef, übergangen. Nicht genug, dass es in der SPD Kritik am geplanten Treffen hagelt. Nein. China moniert. Das lässt wiederum die Alarmglocken des Auswärtigen Amtes um so lauter schrillen. China ist wichtig. Das lässt sich in Geld gar nicht so recht aufwiegen. Dann lieber keinen Tee. Nicht mit dem Dalai Lama. Und vor allem nicht kommenden Montag. Die Menschenrechte, die Situation der Tibeter, die Proteste rund um die olympische Flacke, da war schon viel zu viel in letzter Zeit. Da ist schon genug Sperriges im Wirtschaftsgeflecht zwischen Deutschland und China.
Eines hat das Verhalten aller Beteiligten gemein: Unverhältnismäßig.
Wird dem Dalai Lama nicht eine größere Rolle von Seiten Chinas zugestanden als er wirklich hat? Befinden sie sich ohnehin nicht gerade in Gesprächen mit tibetischen Vertretern? Warum also in dieser Deutlichkeit? Zumal sich Frau Merkel schon letztes Jahr mit dem Dalai Lama getroffen hat.
Warum wagt Deutschland in der ohnehin angespannten Situation einen solchen Affront? Schon nach dem letzten Treffen musste der Außenminister sein gesamtes diplomatisches Geschick aufbieten, um die Wogen zu glätten.
Warum pocht man gerade bei China so sehr auf die Menschenrechte? Skrupel bei Geschäften mit Amerika, lateinamerikanischen oder afrikanischen Ländern haben wir doch auch nicht. Menschenrechte sind wichtig, doch messen wir da nicht mit verschiedenerlei Maß? China hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Aber aus einem rigiden, seit Jahrhunderten zentralistischen Staat wird nicht über Nacht das Paradies der Menschenrechte. Haben Sie schon mal ein Milliardenreich regiert?
Zudem scheint mir ein Aspekt in der Diskussion vollständig vernachlässigt. Religion und Staat sollte man trennen. Auch wenn gerade in Tibet der Buddhismus stark im kulturellen Leben verankert ist, dürfen religiöse Vertreter nicht einzig verantwortlich für die Ausgestaltung eines Staates sein. Zudem sind seit den 50er Jahren immer mehr Chinesen aus anderen Landesteilen angesiedelt worden, die tibetische Kultur wurde auf Bestreben Pekings massiv zurückgedrängt. Ein tibetischer Staat scheint Illusion, zumal China ein starkes wirtschaftliches Interesse an der Region hat. Nicht umsonst baut das rohstoffhungrige Land unter Strapazen eine Eisenbahnlinie mitten ins tibetische Hochland.
Das führt mich gleich zum nächten Punkt:
Spielen wir doch mal die rein hypothetische Situation eines unabhängigen Tibets durch. Wie will ein solcher Staat politisch und wirtschaftlich überleben? Er war zwar zwischen 1912 und 1951 formal unabhängig vom China, anerkannt wurde er von anderen Staaten nie. Im Süden begrenzt vom Himalaya, im Westen grenzend an die Konfliktregion Kaschmir, ansonsten von China umgeben. Wie soll da eine wirtschaftliche Zusammenarbeit aussehen? Touristen über die lebensgefährlichen Pässe von Nepal einschleusen, mit Care-Paketen ausgestattet? Tibet hinge doch nur am internationalen Tropf, abhängig von Chinas Willkür.
Ein wenig mehr Realismus wäre angebracht. Reagiert Deutschland nicht auch verschnupft, wenn sich Ankara in die innerdeutsche Politik einmischt? Genau.
Jetzt weiß ich wenigstens, wie es heißt
28. April 2008 at 12:09 pm | In Skurriles | Leave a CommentEs ist kein Geheimnis, dass das Planen nicht meine Stärke ist. Ich verzettele mich gern. Versuche ich dem Problem mit Klebezetteln und nach Prioritäten geordneten To-do-Listen Herr zu werden, endet das meist in einem undurchsichtigen Papierwust. Naja.
Zum Glück bin ich aber nicht allein. Viele Menschen scheitern an der Selbstorganisation. Verblüffend für mich war nun aber, dass es dafür einen wissenschaftlichen Ausdruck gibt. Nein, nicht der von der NEON in ihrer kommenden Ausgabe benutzte Begriff ‘Aufschieberhitis‘ ist es. Das Phänomen nennt sich Prokrastination (Hochschulanzeiger Nr. 95, 2008).
Wieder was gelernt.
Da tun sich Abgründe auf
28. April 2008 at 11:31 am | In Gedanken am Rande | Leave a CommentAls ich vor einigen Tagen über den naiven Satz “Ich kann nicht glauben, dass so etwas bei uns passiert.” schrieb, wusste ich natürlich noch nichts vom aktuellen Fall in Amstetten (Österreich).
Link: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,550033,00.html
Egal, wer wieviel gewusst hat, wer geschwiegen und geduldet hat;
Das tun sich Abgründe auf. Einen solchen perfiden Plan können sich Krimiautoren kaum erdenken, ohne sich die Frage gefallen lassen zu müssen, ob dies nicht überzogen sei. Ist es nicht, wie uns der aktuelle Fall auf tragische Weise zeigt.
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